Privates Carsharing: Nachbarschaftsauto, Tamyca, Rent'n'Roll

Zugegeben, dieses Thema hat so gar nichts mit dem regulären Inhalt dieser Webseite zu tun, aber es ist dennoch hoch interessant. Also findet es jetzt Platz in "News, Tipps, & Co."!

Ich habe mich persönlich in den letzten Tagen mit dem Thema "privates Carsharing" beschäftigt.
Da ich mein Auto momentan nicht so häufig benötige, steht es tatsächlich nur herum, kostet aber dennoch weiterhin Geld (Steuern & Versicherung).

Weiterhin ist es für Fahrzeuge auch nicht so gut, öfter und längere Zeit unbewegt herumzustehen. Diese Standschäden kennt man zwar eher aus dem Bereich von Oldtimern, dürfte aber auch bei jedem anderen Fahrzeug gelten - wie beim Mensch: Bewegung hält fit! Aber weiter im Thema...

Durch Zufall war ich auf die Plattform Tamyca (abgekürzt: Take my car) gestoßen. Privates Carsharing... Private Autos mieten und vermieten. Die Idee klingt ziemlich gut. Auch die Texte auf der Webseite haben sich positiv auf meine Meinung ausgewirkt.

ABER: Viel Schreiben, vor allem sich dabei selber gut darstellen, kann ja nun eigentlich jeder.
Also geht bei genauem Interesse, nichts an den AGB - in diesem Fall vor allem an den Versicherungsbedingungen - vorbei.

Im gleichen Zuge erkundigt man sich auch nach weiteren Mitstreitern. Somit fand ich noch: Nachbarschaftsauto und Rent'n'Roll.

Die Unterschiede sind auf jeden Fall da. Teilweise gravierend, was die Versicherungsleistungen anbelangt...

 

Das Grundprinzip ist bei den 3 Anbietern identisch:

  • Privatpersonen mieten von und vermieten an Privatpersonen (Unternehmen sind generell ausgeschlossen).
  • Die Mietpreise für Kurzzeit, Tages- und Wochenpreise legt grundsätzlich der Vermieter fest.
  • Der Mieter zahlt somit den Mietpreis an den Vermieter + eine Aufwands- & Versicherungspauschale pro Miettag an den Plattform-Betreiber.

 

Tamyca.deTamyca

Dieser Anbieter ist offensichtlich der erste seiner Art gewesen und existiert nun seit November 2010. Mitte Juli 2011 befanden sich das erste Mal 1000 Autos in der Datenbank.

Somit bezeichnet man sich selbst als größte Plattform für privates Carsharing, was in diesem Fall der Tatsache entspricht. Das alleine bedeutet aber noch lange nicht, das man auch das beste Gesamtpaket anzubieten hat.

Die Aufwands-/Versicherungspauschale beträgt 7,50 € pro Tag. Eine an Tamyca zu zahlenden Provision fällt für den Vermieter aktuell nicht an.
Die Versicherung (durch die Württembergische) beinhaltet einen sog. temporären Kaskoschutz (Schäden am eigenen Fahrzeug) und eine SFR-Rückstufungsversicherung. Die Selbstbeteiligung des Mieters beträgt 450 EUR.

Das klingt sicherlich für die meisten kompliziert... bedeutet aber, dass die Versicherung alle am Fahrzeug entstandenen Schäden bezahlt, die nicht durch die eigene Teilkaskoversicherung getragen werden.
Durch die Rückstufungsversicherung werden die Finanzleistungen gezahlt/ausgeglichen, die durch den regulierten Schaden der eigenen Versicherung, eine Höherstufung in der Schadenfreiheitsklasse zufolge haben und somit die Versicherungsprämie erhöhen (maximal 2000 EUR je Schadensereignis).

Die Versicherungsleistungen von Tamyca sind subsidiär, sprich sie kommen nicht zur Geltung, wenn sie durch eine eigene Versicherung gedeckt werden. Es gibt also keine doppelten Versicherungsleistungen. Das vermeidet zumindest vorsätzlichen Versicherungsbetrug.

Schäden, die i.d.R. durch die eigene Teilkaskoversicherung gedeckt sind (bspw. Hagelschaden, Blitzeinschlag und Diebstahl) werden nicht durch die Tamyca Versicherung getragen.

Und genau da^^ ist auch schon das Problem. Sollte der Wagen während der Vermietung gestohlen/unterschlagen werden, wird's wohl sehr brisant. Die eigene Versicherung wird sich wahrscheinlich gegen eine Zahlung wehren, da Carsharing in den Versicherungsbedingungen i.d.R. nicht berücksichtigt wird. Die Versicherung von Tamyca schließt es generell aus...

 

Nachbarschaftsauto.deNachbarschaftsauto

Der in Berlin ansässige Betreiber Nachbarschaftsauto startete am 1. März 2011 mit seiner Plattform. Über die aktuelle Anzahl der verfügbaren Fahrzeuge ist nichts bekannt. Vermutungen liegen aber nahe, dass es längst noch keine 1000 Autos sind.

Die Aufwand-/Versicherungspauschale für Mieter beträgt pro Tag 8,90 €.
In dieser von der R+V gestellten Versicherung sind eine Kfz-Haftpflichtversicherung und Kaskoversicherung (Voll- & Teilkasko) enthalten.

Der Vermieter zahlt in der Startphase noch keine Provisionen. Diese wird wohl später folgen und soll 2-3 € pro Vermietung betragen. Die Selbstbeteiligung in der Kaskoversicherung beträgt 500 EUR.

Die Kfz-Haftpflichtversicherung (verursachte Schäden an Fremdfahrzeugen und dessen Insassen) ist insgesamt mit 100 Mio. EUR gedeckt (bei Personenschäden max. 12 Mio. EUR pro Person).
Die Kaskoversicherung deckt in der Teil- & Vollkasko Schäden am eigenen Fahrzeug (Beschädigung, Zerstörung, Totalschaden, Verlust/Diebstahl, Unterschlagung), sowie am Fahrzeug befestigte Anbau-/Zubehörteile (z.B. Gepäckträger, Dachkoffer, Anhänger).

Dies bedeutet somit, dass die eigene Versicherung für entstandene Schäden während der Mietzeit keinerlei Haftung übernehmen muss - sprich von den Schäden auch nichts mitbekommt.

Die zur Verfügung gestellten Überlassung- und Übernahmeprotokolle sorgen für die entsprechend rechtliche Absicherung.

 

Rent'n'RollRent'n'Roll

Diese aus Hamburg geleitete Carsharing Plattform ging am 31. Mai 2011 online, ist somit in diesem Vergleich der dritte und zuletzt gestartete Kandidat. Die Anzahl der momentan verfügbaren Fahrzeuge liegt bei noch rund 50.

Die Aufwandsgebühr pro Buchung für Rent'n'Roll beträgt einmalig 2 €. Die Versicherungspauschale (SB 500€) ist mit 8,90 € pro Tag angesetzt.

Für die entstandene Vermietung des Fahrzeugs, zahlt der Vermieter 15% Provision des Mietpreises an Rent'n'Roll.

Auch für Rent'n'Roll wurde die R+V Versicherungsgesellschaft ins Boot geholt. Die Versicherungsleistungen und Bedingungen sind dieselben, wie bei Nachbarschaftsauto: Haftpflicht, Teil- & Vollkasko.

 

Zusammenfassung

Es zeigt sich auch hier, dass ein Marktführer nicht grundsätzlich die beste Wahl ist.

Tamyca ist zwar mit 1000 Autos der zurzeit größte Anbieter, hat aber unserer Ansicht nach starke Mängel in der Versicherungsleistung. Teure Autos sollten wegen der fehlenden Verlustversicherung lieber nicht vermietet oder angemietet werden - es sei denn es bestehen Sondervereinbarung mit der eigenen Kaskoversicherung.

Die Versicherungsleistung der R+V bei Nachbarschaftsauto und Rent'n'Roll sind dagegen wesentlich besser. Auch wenn die Versicherungspauschale mit 8,90 € nicht gerade günstig ist - im Fall der Fälle ist es eine sinnvolle Investition!

Für Mieter empfehlen wir daher Nachbarschaftsauto und Rent'n'Roll gleichermaßen. Wer jedoch sicherstellen kann, dass ein bei Tamyca gemietetes Fahrzeug unter permanent eigener Aufsicht ist, der fährt damit langfristig günstiger. Verzichten Sie aber dennoch auf hochwertige Autos.

Für Vermieter mit höherwertigen PKWs empfiehlt sich Nachbarschaftsauto, direkt gefolgt von Rent'n'Roll, aufgrund der umfangreichen Versicherungsleistungen, sowie den dazugehörigen Übernahme-/Überlassungsprotokollen.
Wer ein älteres bzw. einfaches Fahrzeug vermieten möchte, kann dies auch mit Tamyca tun, denn Unterschlagung/Diebstahl ist bei solchen Fahrzeugen eher unwahrscheinlich.

 

Ich hoffe, dass dieser Artikel trotz themenfremdem Inhalts, dennoch für Einige interessant und aufschlussreich war.

Zuletzt noch ein Hinweis: Ich kann trotz sorgfältiger Recherche keine Fehler ausschließen, schon gar nicht was das komplexe Thema bei Versicherungen anbelangt. Lesen Sie bitte VOR Anmietung/Vermietung die kompletten Bedingungen der Versicherungen durch - sicher ist sicher!

Freundliche Grüße
Josh


Update 10.08.2011: Durch eine nette eMail der Tamyca Geschäftsleitung kann ich bekanntgeben, dass an einer Lösung der fehlenden Versicherungsleistungen gearbeitet wird.